Fachimpuls: Voraussetzungen wirkungsvoller Demokratiebildung

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Aktuell wird das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ neu ausgerichtet. Auch der Kooperationsverbund „Demokratiebildung im Kindesalter“, dem das NDC angehört, ist Teil des Programms. Die sechs Träger im Kooperationsverbund arbeiten seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Wissenschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Fachpraxis und haben in empirischen Studien die aktuellen Bedarfe und Herausforderungen im Arbeitsfeld erhoben. Zur angekündigten Neuausrichtung hat der Verbund deshalb einen Fachimpuls veröffentlicht, den wir hier teilen.

Was ist Demokratiebildung?

Demokratiebildung bedeutet, ein demokratisches Miteinander und demokratische Mitbestimmung im Alltag zu erfahren, mitzugestalten und praktisch zu erlernen. Sie befähigt Kinder und Jugendliche zu aktiver und mündiger Teilhabe an Demokratie und gesellschaftlichem Miteinander. Demokratiebildung muss ganzheitlich gedacht werden und findet an allen Bildungsorten statt, setzt an den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen an und macht demokratische Teilhabe und Aushandlung praktisch erfahrbar.

Als pädagogisches Konzept vereint Demokratiebildung Ansätze aus der Politischen Bildung und der Demokratiepädagogik. Politische Bildung zielt auf Mündigkeit durch Emanzipation, Aufklärung und Ideologiekritik. Als subjektorientierter Lernweg leitet sie Lernende an, Politik als Prozess sinnhaft zu erschließen, um die politische Welt interpretieren und beeinflussen zu können. Grundlage dafür sind Erfahrungen kollektiven Handelns und politischer Selbstwirksamkeit.

Demokratiepädagogik hat die Erziehung zur Demokratie zum Ziel, die nach Himmelmann als eine institutionelle Herrschaftsform, eine Gesellschaftsform des spezifischen sozialen Zusammenlebens und eine Lebensform in den konkreten, persönlichen Lebenswelten verstanden wird. Dabei steht die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, das Lernen durch Erfahrungen, die Anerkennung von Bedürfnissen und Rechten Anderer sowie die Fähigkeit zur demokratischen Aushandlung von Konflikten im Fokus.

Demokratiebildung ist auf die gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen ausgerichtet. Inklusion und der Schutz vor Diskriminierung sind genuine Bestandteile von Demokratiebildung. Dabei bilden die Kinderrechte einen wesentlichen Bezugsrahmen. Sie umfassen u. a. das Recht jedes Kindes, sich eine eigene Meinung zu bilden, diese frei zu äußern und bei allen es betreffenden Angelegenheiten gehört zu werden (Art. 12 der UN- Kinderrechtskonvention). Demokratiebildung fördert die Verwirklichung dieser Rechte im Alltag von Bildungsinstitutionen und schafft Gelegenheiten, in denen Kinder und Jugendliche Mitbestimmung tatsächlich erfahren und ausüben können.

Demokratiebildung stärkt Demokratiekompetenzen und eine demokratische Haltung, indem Kinder und Jugendliche die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und des demokratischen Miteinanders kennen, reflektieren, akzeptieren und verteidigen. Konkret zeigt sich Demokratiebildung im Alltag von Bildungsorten darin, dass Kinder und Jugendliche an Regeln, Abläufen und gemeinsamen Entscheidungen mitwirken. Dabei lernen sie, eigene Interessen zu vertreten, Konflikte auszuhandeln und Kompromisse zu finden. Durch diese alltäglichen Beteiligungserfahrungen erleben junge Menschen Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung unmittelbar. Demokratische Werte wie Respekt, Toleranz und Solidarität werden so im gemeinsamen Handeln praktisch erlernt und gelebt.

Damit Demokratiebildung in diesem Verständnis gelingen kann, muss der institutionelle Kontext, die professionelle Haltung und die pädagogische Beziehung auf demokratische Anerkennungsverhältnisse, erfolgreiche Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Prävention von Diskriminierung und Demütigung gerichtet sein. Dies erfordert professionelle Selbstreflexion und umfassende institutionelle Entwicklungsprozesse.

Was braucht es für wirkungsvolle Demokratiebildung?

Wirkungsvolle Demokratiebildung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern auf tragfähige strukturelle, inhaltliche und prozessbezogene Rahmenbedingungen angewiesen. Die folgenden Thesen benennen die Voraussetzungen dafür, Demokratiebildung nachhaltig und wirksam umzusetzen. Sie beruhen auf systematisch erhobenen Perspektiven aus Wissenschaft und Fachpraxis, die wir als Kooperationsverbund Demokratiebildung im Kindesalter unter anderem im Rahmen eigener Bedarfsanalysen gewonnen und auf Grundlage unserer langjährigen fachlichen Erfahrung eingeordnet haben.

Wirkungsvolle Demokratiebildung…

  1. … begleitet junge Menschen von Anfang an und kontinuierlich über biografische Übergänge hinweg. Sie beschränkt sich nicht auf einzelne Bildungsorte, sondern ist in alle relevanten Regelstrukturen von Bildung, Erziehung und Unterstützung systematisch eingebettet – insbesondere in Kita, Schule, Jugendhilfe, Ausbildung und Fortbildung sowie in den Übergängen zwischen diesen Bereichen. Dafür braucht es verbindliche Anreize und Förderlogiken, die die Zusammenarbeit zwischen diesen Bereichen stärken.
  2. … braucht Kontinuität und realistische Zeiträume. Denn nachhaltige Kooperationen mit Partner_innen in den Regelstrukturen basieren auf dem Aufbau und der Pflege von Beziehungen. Bedarfsgerechte Angebote müssen im Austausch mit den Zielgruppen entwickelt, erprobt und überarbeitet werden, damit sie tatsächlich genutzt werden. Für eine strukturelle Verankerung von Demokratiebildung in Bildungseinrichtungen braucht es kontinuierliche Begleitung. Ohne mittel- und langfristige Perspektiven droht Demokratiebildung ins Leere zu laufen.
  3. … denkt Transfer und Wirkung von Beginn an systematisch mit und hinterlegt sie mit angemessenen zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen. Nur so können Ansätze nachhaltig in den Regelstrukturen verankert und über Projektlaufzeiten hinaus fortgeführt werden.
  4. … sollte als Querschnittsaufgabe systematisch in Regelstrukturen verankert und professionell abgesichert werden. Sie darf nicht vom persönlichen Engagement Einzelner abhängen, sondern sollte in die Rahmengebungen von Bildungsinstitutionen eingeschrieben sein. Dazu gehört auch, ihre Grundprinzipien und Werte bildungsort- und fachübergreifend in der Aus- und Fortbildung von Fachkräften zu verankern (siehe 5.). Denn eine demokratisch fundierte professionelle Haltung ist grundlegend für pädagogische Beziehungen, die Anerkennung ermöglichen, Selbstwirksamkeit stärken und Diskriminierung entgegenwirken. Eine demokratische Kultur in Bildungsinstitutionen wird erst durch motivierte und qualifizierte Fachkräfte wirksam, die wiederum auf angemessene Rahmenbedingungen angewiesen sind, um effektive Arbeit für die Demokratie leisten zu können.
  5. … braucht qualifizierte und gestärkte Fachkräfte. Unsere empirischen Erhebungen zeigen deutlich, dass Fachkräfte Demokratiebildung umsetzen wollen. Nur mangelt es ihnen oft an zeitlichen Ressourcen und einem flächendeckenden Unterstützungssystem. Erst durch Qualifizierung, Beratung, Supervision, kollegialen Austausch und alltagstaugliche Materialen und Methoden für pädagogisches und Verwaltungspersonal kommt Demokratiebildung bei den Zielgruppen an. Dies schließt Kompetenzen im Umgang mit Diskriminierung und Adultismus, Kinderrechten, digitalen Räumen und demokratiefeindlichen Positionen ein. Die Beratung und Begleitung von Lehrenden in der Aus- und Fortbildung pädagogischer Fachkräfte fördert eine nachhaltige Professionalisierung.
  6. … schließt Inklusion, Diskriminierungsschutz und Kinderrechte als genuine Bestandteile ein. Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass Diskriminierung die demokratische Teilhabe insbesondere von Kindern und Jugendlichen erheblich einschränkt. Demokratiebildung bedeutet, dass alle jungen Menschen tatsächliche Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit erfahren können. Grundlage dafür sind inklusive Rahmenbedingungen sowie Strukturen, die Beteiligung absichern und Schutz im Fall antidemokratischer oder diskriminierender Vorfälle gewährleisten. Die UN-Menschen- und Kinderrechte bilden hierfür einen zentralen Bezugsrahmen.
  7. … braucht zentrale Anlaufstellen auf Bundesebene, um niedrigschwellige Zugänge für Interessierte und die Vernetzung von Multiplikator_innen zu gewährleisten. Die Demokratiebildung in Deutschland ist von großem Engagement, aber auch von Unübersichtlichkeit, regionalen Unterschieden und einer fragmentierten Angebotslandschaft geprägt. Für eine Weiterentwicklung braucht es koordinierende Strukturen, die Wissen und Materialien kuratieren, praxisnah verfügbar machen, Akteur_innen vernetzen, Qualifizierung unterstützen, Good Practice transferfähig machen, Qualitätsentwicklung befördern und als fachpolitische Schnittstelle wirken.
  8. … lebt von der Kooperation der Regelstrukturen mit zivilgesellschaftlichen Akteur_innen. Im Zusammenspiel aus Reichweite und Verbindlichkeit der Regelstrukturen mit der Vielfalt, Lebensweltnähe und methodischer Expertise zivilgesellschaftlicher Praxis (z. B. Theatern, Museen, Vereinen) entstehen Freiräume für unterschiedliche Perspektiven und demokratische Lerngelegenheiten. Kooperationen erhöhen die Qualität, Relevanz und Nachhaltigkeit demokratiebildender Angebote.

Mehr zum Kooperationsverbund „Demokratiebildung im Kindesalter“

Kontakt

NDC Bundesgeschäftsstelle

Geschäftsführung

Andreas Stäbe, Sebastian Drefahl

+49 351 4810060